1983-2000

Aus drei Gründen stellt die Zeit des ausgehenden 20. Jahrhunderts für die Jürgen-Fuhlendorf-Schule eine Phase der Konsolidierung dar:
1.) Die noch von der Kriegs- und Nachkriegszeit herrührenden Mängel (überhöhte Klassenfrequenzen, unzulängliche Lernmittelausstattung, Raummangel) werden endgültig überwunden.
2.) Ein gewachsenes, fachwissenschaftlich kompetentes und weitgehend auch pädagogisch qualifiziertes und motiviertes Kollegium ist entschlossen, seinen spezifischen Erziehungs- und Bildungsauftrag zu erfüllen, und es wird dabei von einer überaus schulfreundlichen Elternschaft unterstützt.
3.) Die teilweise einschneidenden geistig-politischen Wandlungsprozesse, insbesondere der seit Ende der sechziger Jahre einsetzende pädagogische Paradigmenwechsel, zwingen zu ständiger didaktischer Reflexion und damit zu bewussterem Unterrichtsverhalten. Mancherlei Innovationen bereichern das Schulleben und lassen sich zunächst auch noch mit gymnasialen Grundsätzen wie dem Leistungsgedanken oder dem Prinzip der Allgemeinbildung vereinbaren.
Hatte sich bereits die Übernahme der Trägerschaft durch das Land Schleswig-Holstein günstig auf die schulischen Rahmenbedingungen ausgewirkt, so lässt der neue Schulträger (seit 1982), der Kreis Segeberg, von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen, dass er die ihm zugefallene Aufgabe besonders engagiert erfüllen werde. Tatsächlich beschließen Kreistag und Kreisverwaltung in der Folgezeit eine Fülle von Maßnahmen, die zu einer durchgreifenden Verbesserung der schulischen Situation beitragen.
Zunächst wird 1984 ein großer Buswendeplatz mit übersichtlichen und sicheren Haltestellen eingerichtet - für eine Schule mit rund zwei Drittel auswärtiger Schüler eine unabdingbare Notwendigkeit. Der Kreis Segeberg erwirbt sodann ein größeres Areal im Nordosten des Schulgeländes und sichert damit die räumliche Zukunft der Schule, die sich nur in diese Richtung ausdehnen kann. Im Schuljahr 1987/88 fällt dann die Entscheidung für einen groß angelegtenErweiterungsbau, der die provisorischen Pavillons, in denen die unteren Klassen untergebracht sind, überflüssig macht. Außerdem werden in den folgenden Jahren eine Schülerbibliothek, ein Lehrerarbeitsraum, ein Werkraum, zwei Computerräume und ein Raum für die Schülervertretung errichtet; das Lehrerzimmer wird beträchtlich erweitert. In den Sommerferien des Jahres 1990 beginnt schließlich der Bau einer großen, modernen Sporthalle, die im September 1992 eingeweiht wird. Da die alte Halle bestehen bleibt, eröffnen sich damit optimale Möglichkeiten für den Unterricht im Fach Sport - das letzte Fach, das bis zu diesem Zeitpunkt noch unter Raummangel zu leiden hat. Der Vereinssport in Bad Bramstedt und Umgebung erfährt durch den Bau der Sporthalle erheblichen Auftrieb, was ebenfalls der Schule zugute kommt (sinnvolles Freizeitverhalten vieler Schüler, Kooperation und wechselseitige Anregungen zwischen Schul- und Vereinssport).
Im Jahre 2000 schließlich fasst der Kreistag den Beschluss, das Hauptgebäude der Jürgen-Fuhlendorf-Schule zu sanieren, das in der Folgezeit anstelle des maroden Flachdachs eine neue Dachkonstruktion konventionellen Stils erhält. Zugleich werden die Fassaden erneuert und behindertengrechte Einrichtungen geschaffen (u.a. Bau eines Fahrstuhls).
So erfreulich alle diese Maßnahmen auch sind und so sehr sie die schulische Arbeit er­leichtert und begünstigt haben, so sind für das an einer Schule herrschende Klima und für den pädagogischen Erfolg doch letztlich die hier jeweils versammelten Menschen entscheidend, Lehrer und Schüler in gleichem Maße. Das Verhältnis zwischen beiden Gruppen bleibt an der Jürgen-Fuhlendorf-Schule auch gegen Ende des 20. Jahrhunderts weiterhin im wesentlichen problemlos. Einer der Gründe dafür ist sicher die ländlich geprägte Einzugsregion mit ihrer Überschaubarkeit und ihren gewachsenen Strukturen, die das gegenseitige Verständnis begünstigen. Die Errichtung der neuen Gymnasien in Norderstedt, Quickborn, Henstedt-Ulzburg und Kaltenkirchen hat seit den sechziger Jahren den ländlichen Charakter des Einzugsgebiets, das sich nunmehr auf das westliche Mittelholstein beschränkt, weiter verstärkt. Krisenhafte gesellschaftliche Entwicklungen, die sich im letzten Viertel des Jahrhunderts häufen (allgemeiner Autoritätsverfall, Migration, Gewaltbereitschaft, öffentliche Verwahrlosung, Drogenmissbrauch), wirken sich hier natur­gemäß nicht so stark aus wie in den großstädtischen Ballungsgebieten. Die Schülerschaft wird in immer stärkerem Maße an der schulischen Organisation beteiligt: Schüler sitzen in der Schulkonferenz und in sämtlichen Fachkonferenzen und beteiligen sich an der Planung und Durchführung von Projekttagen und Oberstufenfahrten. Gerade bei den immer mehr an Bedeutung gewinnenden außerunterrichtlichen Veranstaltungen entwickelt sich ein vertrauensvolles Verhältnis, das auf gegenseitiger Achtung und Verständnis für die jeweils andere Seite beruht. Vorschläge und Beschlüsse der Schülervertretung werden von den Lehrern vielfach aufgegriffen und diskutiert; die zahlreichen Gespräche zwischen der Schulleitung und dem jeweiligen Schülersprecher verlaufen ausnahmslos in freundlich-verbindlicher Atmosphäre. Kennzeichnend für das Lehrer-Schüler-Verhältnis an der Jürgen-Fuhlendorf-Schule ist auch, dass disziplinarische Probleme nur verhältnismäßig selten, schwere Disziplinarfalle fast gar nicht auftreten. Seit Anfang der neunziger Jahre ist allerdings auch an der Jürgen-Fuhlendorf-Schule bei jüngeren Schülern eine aufkeimende Bereitschaft zur Gewaltanwendung zu beobachten, und trotz des Einsatzes eines unkonventionell, aber erfolgreich arbeitenden Drogenbeauftragten aus dem Kollegium kann der Marihuanakonsum nicht völlig verhindert werden.
Das Verhältnis zwischen Schule und Elternschaft gestaltet sich problemlos, vielfach überaus positiv. Immer wieder heben die Vorsitzenden des Schulelternbeirats (seit 1983 Herr Prox, danach Herr v. Rauch, im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts Herr Finck) die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Kollegium und Schulleitung hervor. Regelmäßig finden, zumeist im Hause des Vorsitzenden, in entspannter Atmosphäre gemeinsame Sitzungen des Vorstandes und mehrerer Vertreter der Schule statt, bei denen mancherlei Schwierigkeiten bereits im Vorfeld ausgeräumt werden können, bevor sie sich zu ernsten Problemen auswachsen. Die Eltern werden in vielfältiger Weise in die Arbeit der Schule mit einbezogen, vor allem im Zusammenhang mit den Projekttagen und dem Schüleraustausch. Die enge Verbindung zu den verschiedenen Partnerschulen wäre überhaupt nicht möglich gewesen, wenn nicht immer wieder zahlreiche engagierte Eltern Quartiere für die Gäste bereitgestellt hätten. Segensreich für die Schule ist auch die Arbeit des Fördervereins, der nacheinander von den Herren Dr. Leupelt, Christiansen, Polster und Jessen geleitet wird. Der Verein, dem einige hundert Eltern und Ehemalige angehören, stellt in jedem Schuljahr rund
15000 DM bereit und ermöglicht damit in einer Zeit knapper öffentlicher Kassen pädagogisch sinnvolle Maßnahmen, an die ohne dieses Geld nicht zu denken gewesen wäre, zum Beispiel im Zusammenhang mit einer Studienreise nach Italien einen Abstecher nach Capri, eine ganze Reihe von Schülerpublikationen und regelmäßig den Ankauf von Büchern, die den Abiturienten als Abschiedsgeschenk der Schule übergeben werden. Problematisch bleibt bis weit in die achtziger Jahre hinein die Unterrichtsversorgung. Die Schülerzahlen steigen unentwegt und erreichen im Jahre 1980 einen Höchststand von 800, die erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts übertroffen wird. Der Lehrermangel ist angesichts der vielen Klassen und Kurse beträchtlich, insbesondere in den Fächern Religion, Physik, Kunst und Musik, wobei für letzteres Fach wie schon in den Jahrzehnten davor lediglich ein einziger Fachlehrer zur Verfügung steht. Seit Mitte der achtziger Jahre beginnt sich jedoch die Lage zu entspannen, da u.a. als Folge des „Pillenknicks“ die Schülerzahl allmählich sinkt (Ende des Schuljahrs 1984/85 nur noch 700 Schüler). Zugleich gelingt es, eine ganze Reihe von leistungsfähigen jungen Kollegen für den Dienst an der Jürgen-Fuhlendorf-Schule zu gewinnen, darunter auch eine ausreichende Anzahl von Fachlehrern für die bisherigen Mangelfächer. In den neunziger Jahren kann dann endlich der volle Unterricht erteilt werden. Zugleich verringern sich die Klassen- und Kursfrequenzen, so dass wirkungsvollerer Unterricht erteilt werden kann. Darüber hinaus ermöglichen diese Entwicklung und das Engagement gerade auch der jüngeren Kollegen es, den regulären Unterricht durch neue Unterrichtsformen zu ergänzen und bisher nicht behandelte Inhalte zu vermitteln, die das Schulleben bereichern und den gymnasialen Bildungsgedanken auf neue Weise zur Geltung bringen. Zwar treten auch in Bad Bramstedt allmählich manche Merkmale des traditionellen Gymnasiums zurück, umfassende Faktenkenntnis etwa, klassische Literatur im Fach Deutsch und in den Fremdsprachen, insbesondere auch die historische Verankerung geisteswissenschaftlicher Themen. Am Ziel einer möglichst umfassenden Allgemeinbildung für jeden Schüler hält das Kollegium jedoch zunächst fest; auch bleibt das Bramstedter Gymnasium eine leistungsorientierte Schule.
Zu den wichtigsten pädagogischen Innovationen gehört die Ergänzung des Unterrichts im Klassen- und Kursverband durch zusätzliche schulische Veranstaltungen. So tritt neben den systematisch und langfristig angelegten Unterricht der „Projekt‘-Unterricht, der entweder an bestimmten Tagen des Schuljahrs für alle Schüler oder im Rahmen klassenübergreifender Sonderveranstaltungen für speziell interessierte Schüler stattfindet. Dabei kommt es immer wieder auch zu fächerübergreifenden Aktivitäten. So finden zum Beispiel wiederholt auf Schloss Salzau „Musische Tage“ statt, an denen bestimmte Themen mit künstlerischen, musikalischen und tänzerischen Mitteln erarbeitet werden.
An den Projekttagen, die einmal im Schuljahr stattfinden, wird der Unterricht nicht in Klassenverbänden und Kursen, sondern in Projektgruppen erteilt, und zwar in aufgelockerter Form und unter weitgehender Mitwirkung der Schüler. Bereits bei der Planung werden Eltern und Schüler mit einbezogen, einzelne Projekte auch von Eltern geleitet. In inhaltlicher Hinsicht dürfen die behandelten Gegenstände naturgemäß nicht zu komplex sein, doch sind im übrigen der Phantasie und der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. So werden, um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen, an den Projekttagen des Schuljahrs 1993/94 u.a. folgende Projekte angeboten: „Chaos“ in der Mathematik, Heimische Wildtiere, Bronzezeit, Friedrich der Große, Deutsch-französischer Grenzraum. Emil Nolde, Standardtänze. Der Unterricht wird auf diese Weise um die Dimension des Praktischen, Anschaulichen, Erlebnishaften ergänzt. So nehmen die Schüler im Rahmen des Projekts „Heimische Wildtiere“ an einer Revierführung teil, lernen Spuren und Fährten lesen und erleben eine Rothirschbrunft - alles Dinge, die im Rahmen des regulären Biologieunterrichts kaum oder gar nicht möglich sind. Die günstigere Relation zwischen Schüler- und Lehrerzahl gestattet nunmehr auch die deutliche Vermehrung von Arbeitsgemeinschaften. Wie bisher erlernen praktisch alle Schüler zumindest zwei Jahre lang die dritte Fremdsprache, und zwar freiwillig, so dass die entsprechenden Unterrichtsveranstaltungen den Charakter von Arbeitsgemeinschaften haben. Ende der achtziger Jahre werden dann auch Arbeitsgemeinschaften in Italienisch, Russisch und Spanisch, zeitweise auch in Altgriechisch angeboten, so dass interessierte sprachbegabte Schüler auch diese Sprachen erlernen können. Insgesamt beträgt die Zahl der innerhalb eines Schuljahrs stattfindenden Arbeitsgemeinschaften etwa zwanzig, wobei die Fächer Chemie, Kunst, Sport, Geschichte und vor allem Musik stehen im Vordergrund; zwei junge Musiklehrer führen nicht nur die seit jeher bestehenden Chöre fort, sondern bauen zusätzlich zwei Orchester und eine Big Band auf. Die Chöre und Orchester treten nicht nur in Bad Bramstedt auf, wo alljährlich das Weihnachtskonzert und eine weitere größere Konzertveranstaltung stattfinden, sondern auch in anderen Orten des Einzugsgebiets, darüber hinaus bei Konzertreisen ins In- und Ausland.
Große Bedeutung für die Außenwirkung der Schule hat auch die Theater-Arbeitsgemeinschaft, die in den neunziger Jahren die Tradition der legendären Musiktheater-Aufführungen des Musikerziehers Winfried Hahn („Hänsel und Gretel“, „Zauberflöte“, „Freischütz“) fortsetzt und mit überzeugenden Inszenierungen klassischer und moderner Stücke Beifall und Anerkennung findet. Höhepunkte ihrer Wirksamkeit stellen u.a. die Aufführungen von Oscar Wildes „Bunbury“ und Shakespeares „Sommernachts-traum“ in den Jahren 1999 und 2000 dar, die nahezu professionell dargeboten werden.
Als Beispiel für wissenschaftsbezogene Arbeitsgemeinschaften sei eine Geschichts-AG genannt, die von 1991 bis 1996 besteht und während dieser Zeit die erste wissenschaftlich fundierte Kellinghusener Stadtgeschichte erarbeitet, wobei jeder Schüler Archivalien, gedruckte Quellen und Sekundärliteratur für eine bestimmte Epoche erforscht („Geschichte Kellinghusens“, Kellinghusen 1997). Die Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft finden zum großen Teil im Kellinghusener Rathaus statt; vielfältige Kontakte mit Fachleuten und sonstigen Interessierten vor und nach dem Erscheinen des Buches festigen die Verbindung der Schule mit ihrem westlichen Einzugsbereich. ‚ Der Öffentlichkeitswirkung der Schule, zugleich aber auch dem Prinzip der wissenschaftlichen Propädeutik dient auch eine periodische Publikation, die „Schriftenreihe der Jürgen-Fuhlendorf-Schule“. In fünfzehn Heften, die zwischen 1975 und 2000 erscheinen, werden neben einigen Lehrerarbeiten vor allem besonders gelungene Schülerstudien veröffentlicht, die aus Referaten und Facharbeiten hervorgegangen sind oder auch extra für die Veröffentlichung in der Schriftenreihe angefertigt werden. Voraussetzung für den Druck ist die Erforschung bisher unbekannter Gegenstände insbesondere der Regional- und Lokalgeschichte des Einzugsgebiets. Auch hier wird von Anfang an die Elternschaft beteiligt: Mitbegründer und Mitherausgeber ist der seinerzeitige Vorsitzende des Schulelternbeirat, Herr Professor Dr. Benthe.
Neben solchen Einzelstudien, neben den Arbeitsgemeinschaften und Projekttagen gewinnen während des Berichtszeitraums weitere außerunterrichtliche Veranstaltungen zunehmend an Bedeutung. Aus den traditionellen Wandertagen und Klassenfahrten, die in der Unter- und Mittelstufe weiterhin durchgeführt werden, entwickeln sich ein- und mehrtägige Exkursionen mit fachspezifischer Zielsetzung und kursübergreifende Studienreisen der Oberstufe: auch der internationale Schüleraustausch wird ständig weiter ausgebaut. Die Exkursionen haben mitunter Projektcharakter, gehen aber im allgemeinen aus dem regulären Unterricht hervor. So stellt der Besuch des Kernkraftwerks Brokdorf, eines Wattenbiotops, einer englischsprachigen Shakespeareaufführung oder der Hamburger Kunsthalle häufig den Abschluss einer entsprechenden Unterrichtseinheit in den Fächern Physik, Biologie, Englisch und Kunst dar.
Neu ist die Studienreise der Oberstufe. Nachdem die Schulkonferenz zunächst noch darüber gestritten hat, ob Oberstufenfahrten nach Auflösung der Klassenverbände überhaupt noch sinnvoll seien, entwickelt sich an der Jürgen-Fuhlendorf-Schule folgendes System: Eine unbegrenzte Anzahl von Lehrern, zumeist Leiter von Leistungskursen, stellen um die Mitte des vorletzten Schuljahrs den Schülern ihr Reisekonzept dar. Die Schüler entscheiden mehrheitlich darüber, welche der angebotenen Fahrten stattfinden - zumeist sind es drei. Zu Beginn des letzten Schuljahrs werden die gewählten Reisen dann gleichzeitig durchgeführt. Es bleibt damit genügend Zeit, sie auf kursübergreifenden Veranstaltungen inhaltlich und organisatorisch vorzubereiten und im regulären Unterricht gewisse Akzente zu setzen. Reiseziele sind in der Regel die großen europäischen Kulturmetropolen, darunter immer wieder Wien und Paris, Rom und London, daneben aber auch ganze Regionen im europäischen Ausland, etwa Schottland, das Elsass oder Südtirol/Venedig. Dabei ergibt sich naturgemäß, dass Schüler, die besonders an den neuen Fremdsprachen interessiert sind, nach Frankreich oder Großbritannien fahren, während historisch-künstlerisch Interessierte südliche Ziele bevorzugen. Insofern stellen vielfach die Leistungskurse Französisch, Englisch und Geschichte die jeweilige Kerngruppe der Fahrten nach Paris, London und Rom dar, was die pädagogische Arbeit vor Ort sehr erleichtert, da der Fahrtleiter einen großen Teil seiner Gruppe gut kennt. Die Nachbereitung findet in ganz unterschiedlicher Weise statt: Mitunter werden lediglich bei einem geselligen Beisammensein Fotos ausgetauscht, aber es kommt auch vor, dass sich Abituraufgaben auf die besuchte Region beziehen, was freilich voraussetzt, dass alle Angehörigen eines Leistungskurses an der Fahrt teilgenommen haben. Schüleraustausch und Schulpartnerschaften mit dem Ausland hat es auch früher schon gegeben, doch gewinnt beides im Zeitalter dichter werdender internationaler Verflechtungen und zunehmenden Wohlstands in der Elternschaft zunehmende Bedeutung. Regelmäßig verbringt eine ganze Reihe von JFS-Schülern ein Schuljahr im Ausland, zumeist in den Vereinigten Staaten, während gleichzeitig bis zu einem halben Dutzend junger Ausländer, überwiegend Amerikaner, während eines Schuljahrs am Unterricht der Jürgen-Fuhlendorf-Schule teilnimmt. Aus diesen Aufenthalten ergeben sich die vielfältigsten internationalen Verbindungen, bis hin zur Eheschließung eines US-Amerikaners und einer Bramstedterin. Mitte der achtziger Jahre wird eine Schulpartnerschaft zwischen der Jürgen-Fuhlendorf-Schule und dem College St. Dominique in Mortefontaine, etwas später eine weitere mit dem College Anne Marie Javouhey in Senlis begründet. Zahlreiche junge Franzosen haben im Rahmen dieser Partnerschaften Schleswig-Holstein kennengelernt, die Bramstedter Austauschschüler nicht nur die französische Provinz, da sowohl Mortefontaine als auch Senlis in der Nähe von Paris liegen. Während Verbindungen mit Schülern des englischsprachigen Raumes immer nur sporadisch zustande kommen, entwickelt sich seit Ende der achtziger Jahre allmählich eine dauerhafte Partnerschaft zwischen der Jürgen-Fuhlendorf-Schule und dem Wirtschaftsgymnasium Mjölby in Mittelschweden. Auch hier steht der Schüleraustausch im Vordergrund. Die jungen Schweden interessieren sich vor allem für deutsche Wirtschaftsunternehmen, legen jedoch den Zeitpunkt ihrer Besuche so, dass schwedische Schülerinnen am St.-Lucia-Tag im traditionellen Kerzenschmuck in Bad Bramstedt auftreten können. Die Besucherzahlen aus Mjölby sprengen zeitweilig alle Dimensionen. So halten sich im Dezember 1997 nicht weniger als 90 schwedische Schüler im Zusammenhang mit einer Konzertreise in Schleswig-Holstein auf. Damit ist die Gästekapazität Bad Bramstedt erschöpft, so dass ein Lübecker Gymnasium um Hilfe gebeten werden muss. . : Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus kommt auch eine Verbindung mit einem polnischen Gymnasium zustande, die auf einer Städtepartnerschaft zwischen Bad Bramstedt und dem hinterpommerschen Dramburg aufbaut. Den Höhepunkt erlebt diese Partnerschaft, als sich geschichtsinteressierte junge Polen mit deutschen Altersgenossen zu einer etwa zwei Jahre lang bestehenden Arbeitsgemeinschaft zusammenschließen, an der auch Schüler des Bramstedter Partnergymnasiums in Greifswald beteiligt sind. Die Gruppe, zu der rund ein halbes Dutzend Schüler von jedem der drei Gymnasien gehören, wollen gemeinsam das Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit an der südlichen Ostseeküste, also in Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Pommern, erforschen. Zur Vorbereitung einer entsprechenden Publikation halten sich die Schüler jeweils für einige Tage in Dramburg, Greifswald und Bad Bramstedt auf, von wo aus nicht nur Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Region, sondern vor allem auch solche Orte und Gebäude besucht werden, die bei den Ereignissen des Jahres 1945 eine Rolle gespielt haben. Im Frühjahr 2000 erscheint dann die Schrift gleichzeitig in Bad Bramstedt und in Dramburg in einer deutsch- und einer polnischsprachigen Fassung („Kriegsende und Neubeginn an der Ostsee. Holsteinische, vorpommersche und polnische Schülerstudien zum Jahr 1945“). Diese Schrift bringt der Arbeitsgruppe übrigens eine Auszeichnung auf Bundesebene einj nämlich einen Preis der „Deutschen Kinder- und Jugendstiftung“: Zur Entgegennahme der Auszeichnung werden alle deutschen und polnischen Schüler vom Bundespräsidenten auf Schloss Bellevue in Berlin empfangen.
Die weitaus engste Partnerschaft entwickelt sich in den neunziger Jahren zwischen der Jürgen-Fuhlendorf-Schule und einem der drei Greifswalder Gymnasien, der Alexander-von-Humboldt-Schule. Diese Partnerschaft erwächst unmittelbar aus den Ereignissen der Jahre 1989/90 und der Wiedervereinigung Deutschlands. Die Jürgen-Fuhlendorf-Schule ist von den Vorgängen von Anfang an betroffen, da gleich nach der Öffnung der Mauer etwa ein Dutzend Schüler aus der DDR aufgenommen werden, deren schulische Integration sich aufgrund der völlig unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen recht schwierig gestaltet. Wie viele andere westdeutsche Schulen fühlt sich auch die Jürgen-Fuhlendorf-Schule damals von den politischen Vorgängen herausgefordert; Lehrer und Schüler, auch sehr viele Eltern haben das Gefühl, den Ereignissen nicht einfach zusehen zu dürfen. Als die Schule den Tag der Wiedervereinigung festlich begeht, sind bereits die ersten Kontakte zu mecklenburgischen und vorpommerschen Schulen geknüpft Im Laufe des Winters 1990/91 verdichten sich dann die Beziehungen zu einer Greifswalder Polytechnischen Oberschule, die im Sommer darauf in ein Gymnasium umgewandelt werden soll. Das Kieler Kultusministerium ist damit einverstanden, dass die Leiterin dieser Schule, Frau Dr. Scherpelz, die sich im Frühjahr 1991 mit einer vierzigköpfigen Gruppe künftiger mecklenburgisch-vorpommerscher Gymnasialdirektoren eine Woche lang in Schleswig-Holstein aufhält, während dieser Zeit der Jürgen-Fuhlendorf-Schule zugewiesen wird, so dass die Verbindung weiter gefestigt werden kann. Im Frühsommer beschließt dann die Schulkonferenz einstimmig die Partnerschaft. In Greifswald werden die Umwandlung in ein Gymnasium und der Abschluss der Partnerschaft mit einer feierlichen Abendveranstaltung begangen. Zugleich gibt die Big Band der Jürgen-Fuhlendorf-Schule ein öffentliches Konzert im Freilichttheater des Klosters Eldena, das nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Zweck der Veranstaltung ist es auch, die Greifswalder Öffentlichkeit auf die nunmehrige Alexander-von-Humbold-Schule und auf die neue Schulart aufmerksam zu machen. Am folgenden Vormittag übergibt dann in Anwesenheit aller Schüler und Lehrer eine Bramstedter Eltern- und Lehrerdelegation auf dem Schulhof zahlreiche bunt verpackte Kartons mit neuen Büchern im Wert von 2500 DM - eine Spende von Eltern und Buchhändlern aus Bad Bramstedt. Diese Bücher, die später wiederholt ergänzt werden, bilden den Grundstock der Schulbibliothek und stellen damit für das neue Gymnasium eine wichtige Hilfe dar.
In der Folgezeit entwickelt sich ein überaus reger Austausch von Schülern, Eltern und Lehrern, der bis um die Jahrhundertwende anhält und beide Seiten in vielfacher Weise bereichert. Der Lehreraustausch vollzieht sich zunächst vorzugsweise in der Form, dass einige Bramstedter Lehrer für ein bis zwei Wochen an der Alexander-von-Humboldt-Schule unterrichten, während Greifswalder Lehrer mit der gleichen Fächerkombination deren Unterricht in Bad Bramstedt übernehmen. Auf diese Weise fällt kein Unterricht aus, und beide Seiten können in fachlicher und pädagogischer Hinsicht voneinander lernen, zumal die beiden Schulen Fachkonferenzen und sonstige dienstliche Veranstaltungen so terminieren, dass sie in die Zeit der Anwesenheit der Gäste fallen.
Dass sich die Partnerschaft so fruchtbar entwickeln kann, ist vor allem auch der Elternschaft beider Schulen zu verdanken, die immer wieder Quartiere für Eltern, Lehrer und Schüler organisiert und sich in ihrer Gastfreundschaft wechselseitig zu überbieten sucht. So stellt der Schulelternbeiratsvorsitzende der Jürgen-Fuhlendorf-Schule immer wieder sein Haus für Logiergäste, Treffen mit Besuchern, Besprechungen und Festlichkeiten zur Verfügung. Im August/September 1996 findet eine gemeinsame Oberstufenfahrt nach Rom statt, an der zu etwa gleichen Teilen Schüler der beiden Abschlussjahrgänge teilnehmen. Die Fahrt bedeutet eine der letzten Aufbauhilfen aus Bad Bramstedt, denn in den folgenden Jahren wird immer deutlicher, dass die Alexander-von-Humboldt-Gymnasium, die sich mittlerweile zu einem der leistungs­fähigsten Gymnasien Mecklenburg-Vorpommerns entwickelt hat, das gesamte schulische Leben aus eigener Kraft gestalten kann. Damit gibt es für die Jürgen-Fuhlendorf-Schule keine innere Notwendigkeit mehr für ein Partnerschaftsverhältnis zu einer Schule im Inland.
Weitere Einzelheiten zur Entwicklung der Partnerschaft zwischen beiden Schulen sind dem Heft 14 der „Schriftenreihe der Jürgen-Fuhlendorf-Schule zu entnehmen, das von fünf Bramstedter und Greifswalder Schülern verfasst worden ist („Ein Beitrag zur deutschen Einheit. Die Partnerschaft zwischen dem Alexander-von-Humboldt-Gymnasium Greifswald und der Jürgen-Fuhlendorf-Schule Bad Bramstedt“, Bad Bramstedt 1997). Mit dem Regierungswechsel von 1988 erfasst der bildungspolitische „Paradigmenwechsel“ auch Schleswig-Holstein in stärkerem Maße als zuvor. Wenn es auch eine ganze Reihe von Jahren dauert, bis Erlasse, Lehrpläne und Prüfungsordnungen den neuen Vorstellungen entsprechen, so ist doch von vornherein klar, dass es um die Substanz des Gymnasiums bisheriger Prägung geht. Schlagwortartig lässt sich die neue bildungspolitische Zielsetzung wie folgt kennzeichnen:
Schule hat vornehmlich eine gesellschaftspolitische Funktion: die Herstellung von Chancengleichheit für die nachwachsende Generation. Das gegliederte Schulsystem soll deshalb durch vereinheitlichende Schulformen wie die Gesamtschule oder Gemeinschaftsschule ersetzt werden.
An die Stelle umfassender Persönlichkeitsbildung tritt die Ausbildung anwendungsbezogener Fertigkeiten, an die Stelle fachimmanenter Inhalte treten weitgehend methodisch verstandene „Kompetenzen“.
Der Schüler spielt eine selbständige Rolle beim Lernprozess; der Lehrer wandelt sich vom „Unterweisenden“ zum „Moderator“.
Die neuen Lehrpläne weisen - eine schleswig-holsteinische Spezialität - für alle Fächer fünf „Kernprobleme“ aus, an denen sich der Unterricht zu orientieren hat. Damit wandelt sich das Verständnis von fächerübergreifendem Unterricht grundlegend.
Ob beziehungsweise in welchem Umfang sich diese Vorstellungen längerfristig durchsetzen lassen, ist um die Jahrtausendwende noch offen. Zweifellos stehen aber die Gymnasien Humboldtscher Prägung - und damit auch die Jürgen-Fuhlendorf-Schule noch vor ihrem Jahrhundertjubiläum - vor völlig neuen, krisenhaften Herausforderungen - nicht, was das Lehrer-Schüler-Eltern-Verhältnis oder die materielle Ausstattung angeht, wohl aber hinsichtlich ihres pädagogischen und unterrichtlichen Profils und ihres Verständnisses von Bildung und Erziehung.

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Jürgen-Fuhlendorf-Schule

Düsternhoop 48
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Tel. 04192/879630
Fax 04192/879646

E-Mail: jfs.bad-bramstedt[at]schule.landsh.de

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